Wenn ich Bilder vom Mars betrachte, fällt mir immer wieder derselbe Gegensatz auf: Auf den ersten Blick wirkt die Landschaft vertraut, fast wie eine besonders trockene Wüste auf der Erde. Roter Boden, Geröll, Felsen, ein weiter Horizont. Erst beim genaueren Hinsehen verschiebt sich der Eindruck. Die Schatten wirken ungewohnt, der Himmel erscheint anders, Pflanzen fehlen vollständig, und selbst ein scheinbar harmloser Staubsturm hätte für einen Menschen eine ganz andere Bedeutung als ein Gewitter in einer irdischen Landschaft. Der Mars sieht nicht aus wie eine fremde Fantasiewelt. Gerade das macht ihn so interessant.
Wer verstehen möchte, wie es dort wirklich aussieht, sollte sich deshalb von den stark bearbeiteten oder farblich spektakulären Weltraumbildern ein wenig lösen. Viele Aufnahmen stammen von Kameras, die wissenschaftliche Messungen ermöglichen sollen. Farben können dabei angepasst werden, um Mineralien oder feine Unterschiede im Gestein sichtbar zu machen. Betrachtet man die Landschaft dagegen unter natürlichen Lichtverhältnissen, zeigt sich ein erstaunlich nüchterner, aber keineswegs eintöniger Planet.
Eine Landschaft, die auf den ersten Blick fast vertraut wirkt
Der auffälligste Eindruck ist die Farbe. Marsstaub enthält viel Eisen, das über lange Zeit oxidiert ist. Vereinfacht gesagt handelt es sich um eine Art Rost, der sich über die Oberfläche verteilt hat. Dieser feine Staub färbt nicht nur den Boden, sondern lagert sich auch auf Steinen und technischen Geräten ab. Deshalb erscheint der Mars aus großer Entfernung rötlich, während die Oberfläche aus der Nähe je nach Ort eher rostbraun, ockerfarben, beige oder graubraun wirken kann.
Besonders interessant finde ich die feine Körnung des Bodens. Neben größeren Steinen gibt es Staub und Sand, die durch die dünne Atmosphäre und die trockene Umgebung immer wieder bewegt werden. Der Mars besitzt keine dichte, schützende Luftschicht wie die Erde. Gleichzeitig reichen die Winde aus, um Staub über große Entfernungen zu transportieren. So entstehen Landschaften, in denen ein einzelner Felsblock und eine riesige, weitgehend ebene Fläche direkt nebeneinanderliegen können.
Manche Regionen erinnern tatsächlich an irdische Wüsten, doch dieser Vergleich hat Grenzen. Auf dem Mars fehlen die vertrauten Zeichen eines aktiven Lebensraums: keine Gräser zwischen den Steinen, keine Insekten, keine Wolkenformationen, die sich wie auf der Erde ständig verändern. Selbst Wasser, das in der Erdlandschaft oft eine Spur hinterlässt, ist an der Oberfläche heute nur unter sehr speziellen Bedingungen stabil.
Warum der Mars so viele unterschiedliche Landschaften besitzt
Der Mars ist keineswegs überall eine rote Steinwüste. Seine Oberfläche ist geologisch erstaunlich abwechslungsreich. Es gibt riesige Ebenen, tiefe Täler, Einschlagkrater, Dünenfelder und gewaltige Vulkane. Wer nur die bekannten Roverbilder aus relativ flachem Gelände kennt, bekommt deshalb nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Valles Marineris. Dieses gewaltige Grabensystem zieht sich über mehrere tausend Kilometer über die Marsoberfläche. An manchen Stellen erreichen die Schluchten eine Tiefe von mehreren Kilometern. Von oben betrachtet wirkt die Struktur beinahe wie ein Riss im Planeten. Tatsächlich steckt dahinter eine komplizierte geologische Geschichte, die unter anderem mit der Entwicklung der Marskruste und tektonischen Spannungen zusammenhängt.
Dann sind da die Vulkane. Der bekannteste ist Olympus Mons, der größte bekannte Vulkan des Sonnensystems. Seine Dimensionen sind schwer vorstellbar, weil man bei einem solchen Maßstab schnell in abstrakte Zahlen abrutscht. Hilfreicher ist der Gedanke, dass seine Flanken sich über eine riesige Fläche erstrecken und seine Höhe ungefähr 22 Kilometer über dem umgebenden Gelände beträgt. Seine außergewöhnliche Größe hängt auch damit zusammen, dass der Mars keine aktive Plattentektonik wie die Erde besitzt, sodass vulkanische Aktivität über lange Zeit am gleichen Ort stattfinden konnte.
Der Himmel sieht dort nicht so aus, wie viele denken
Bei Marsbildern irritiert mich regelmäßig der Himmel. Je nach Aufnahme wirkt er gelblich, beige, rosa oder sogar orange. Das ist kein Widerspruch. Die feinen Staubteilchen in der Atmosphäre beeinflussen, wie das Sonnenlicht gestreut wird. Außerdem spielen Kameraeinstellungen und wissenschaftliche Bildverarbeitung eine Rolle.
Für einen Menschen auf der Marsoberfläche wäre der Himmel grundsätzlich nicht tiefblau wie an einem klaren Tag auf der Erde. Feiner Staub verändert die Lichtverhältnisse deutlich. Besonders interessant ist der Sonnenuntergang: Er kann in der Umgebung der untergehenden Sonne einen eher bläulichen Farbton zeigen, während der übrige Himmel staubig und warm gefärbt erscheint. Der Grund liegt in der besonderen Art, wie Marsstaub bestimmte Lichtwellenlängen streut.
Auch die Sonne selbst würde kleiner erscheinen als von der Erde aus. Der Mars befindet sich im Durchschnitt etwa 228 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Das Sonnenlicht ist dort entsprechend schwächer. Trotzdem wäre die Sonne noch deutlich als helle Scheibe zu erkennen. Ein Marsnachmittag wäre also nicht einfach eine dunklere Version eines irdischen Nachmittags.
Was man auf der Oberfläche sofort vermissen würde
Die größte Überraschung für jemanden, der sich gedanklich auf einen Spaziergang über den Mars begibt, wäre vermutlich nicht die Farbe des Bodens, sondern die Atmosphäre. Der Luftdruck an der Oberfläche beträgt im Mittel nur einen winzigen Bruchteil des irdischen Drucks. Für einen Menschen ohne Raumanzug bedeutet das keine Situation, in der man einfach kurz die Luft anhält. Ein Aufenthalt wäre ohne geeigneten Schutz nicht möglich.
Die Marsatmosphäre besteht überwiegend aus Kohlendioxid und ist extrem dünn. Sie kann Wärme nur schlecht speichern, weshalb die Temperaturen stark schwanken. In äquatornahen Regionen können sich sonnige Tagesstunden deutlich von den kalten Nächten unterscheiden. Insgesamt liegt die mittlere Oberflächentemperatur bei ungefähr −63 °C, wobei die tatsächlichen Werte je nach Ort, Jahreszeit und Tageszeit erheblich variieren.
Die geringe Dichte der Atmosphäre verändert auch etwas, das auf der Erde völlig selbstverständlich erscheint: den Wind. Marswinde können hohe Geschwindigkeiten erreichen, doch wegen der dünnen Atmosphäre üben sie viel weniger Druck auf einen Körper aus. Ein starker Wind würde sich deshalb nicht so anfühlen wie ein ebenso schneller Wind auf der Erde. Was dem Wind an Kraft fehlt, macht der Mars an Staub wieder wett.
Staub ist auf dem Mars mehr als nur ein optisches Detail
Wer die Marsmissionen verfolgt, begegnet früher oder später den Staubstürmen. Manche bleiben lokal begrenzt, andere können sich über riesige Gebiete ausbreiten. Besonders spektakulär sind globale Staubereignisse, bei denen große Teile des Planeten von einer dichten Staubhülle beeinflusst werden.
Das bedeutet nicht, dass dort eine Wand aus Sand wie in einem Katastrophenfilm über die Landschaft rast. Der Staub ist extrem fein und kann lange in der Atmosphäre schweben. Für Raumsonden und Rover ist das trotzdem ein ernstes Problem. Sonnenlicht wird abgeschwächt, wodurch solarbetriebene Geräte weniger Energie erhalten. Die Geschichte der Marsrover zeigt sehr deutlich, wie entscheidend solche scheinbar unspektakulären Umweltbedingungen sein können.
Der Staub beeinflusst außerdem das Aussehen der Landschaft. Er kann sich auf Felsen ablagern, Oberflächen verändern und durch Wind langsam von einem Ort zum anderen transportiert werden. Dadurch entsteht ein Planet, dessen Oberfläche trotz der extrem trockenen Bedingungen ständig in kleinen Maßstäben in Bewegung bleibt.
Wie sich ein Tag auf dem Mars anfühlen würde
Ein Mars-Sonnentag, der sogenannte Sol, dauert ungefähr 24 Stunden und 39 Minuten. Das ist eine erstaunliche Nähe zur Erde. Ein Mensch könnte sich deshalb beim Blick auf die Uhr an einen vertrauten Tagesrhythmus gewöhnen, zumindest theoretisch. Praktisch wäre fast alles andere ungewohnt.
Die geringe Schwerkraft würde eine Bewegung über die Oberfläche verändern. Auf dem Mars beträgt sie nur etwa 38 Prozent der Erdschwerkraft. Ein Mensch mit Raumanzug würde sich deshalb leichter bewegen, gleichzeitig aber mit einem sperrigen Anzug, begrenzter Beweglichkeit und einer völlig fremden Umgebung kämpfen. Ein Sprung könnte höher ausfallen als auf der Erde, doch daraus würde kein müheloses Herumhüpfen werden.
Auch die Landschaft würde bei jedem Schritt anders reagieren. Feiner Staub könnte aufgewirbelt werden, Steine könnten lose liegen, und manche Böschungen wären deutlich steiler, als es ein zweidimensionales Foto vermuten lässt. Genau deshalb sind Bilder von Rovern so wertvoll: Sie zeigen nicht nur, was vorhanden ist, sondern vermitteln indirekt auch die Beschaffenheit des Geländes.
Wasser: Spuren einer völlig anderen Marswelt
Besonders faszinierend wird die Marslandschaft dort, wo man nach Spuren früheren Wassers sucht. Heute ist flüssiges Wasser an der Oberfläche wegen des niedrigen Luftdrucks und der klimatischen Bedingungen nicht dauerhaft stabil. Doch die Oberfläche trägt zahlreiche Hinweise darauf, dass der Mars in seiner Vergangenheit deutlich feuchter gewesen sein muss.
Man findet Strukturen, die an ausgetrocknete Flussläufe erinnern, alte Täler und Mineralien, deren Entstehung mit Wasser in Verbindung steht. Unter der Oberfläche und in den Polkappen befindet sich außerdem Wassereis. Die Vorstellung, dass ein heute kalter und staubiger Planet einst Flüsse und Seen besessen haben könnte, verändert den Blick auf jedes unscheinbare Geröllfeld.
Genau an dieser Stelle wird die Marsforschung für mich besonders spannend. Ein einzelner Stein ist zunächst nur ein Stein. Wenn seine chemische Zusammensetzung jedoch Hinweise auf frühere Wechselwirkungen mit Wasser liefert, wird er plötzlich zu einem kleinen Archiv der Planetengeschichte.
Eine Landschaft ohne Geräuschkulisse
Ein Detail wird bei Bildern fast immer vergessen: Man kann den Mars auf einer Fotografie sehen, aber nicht hören. Und selbst wenn man dort stehen könnte, würde sich die akustische Umgebung deutlich von der Erde unterscheiden. Die dünne Atmosphäre überträgt Schall wesentlich schlechter. Geräusche würden sich anders ausbreiten und erheblich gedämpfter wirken.
Die bekannten Aufnahmen der Rover vermitteln deshalb unbewusst ein falsches Gefühl von Normalität. Wir sehen Räder, Felsen, Schatten und einen Horizont und ergänzen automatisch die fehlenden Sinneseindrücke aus unserer Erfahrung. Dabei wäre ein echter Aufenthalt eine radikale Veränderung der Wahrnehmung: kaum Atmosphäre, kein vertrautes Wetter, keine Vegetation und eine Landschaft, in der jeder natürliche Vorgang sehr langsam oder unter völlig anderen Bedingungen abläuft.
Warum die Bilder vom Mars trotzdem so faszinierend bleiben
Vielleicht liegt genau darin die besondere Wirkung dieser Landschaft. Der Mars ist weit genug von der Erde entfernt, um vollkommen fremd zu wirken, und gleichzeitig ähnlich genug, dass wir uns in seinen Formen orientieren können. Ein Krater erinnert an einen Krater, eine Düne an eine Düne, ein Berg an einen Berg. Erst die physikalischen Bedingungen machen aus diesen vertrauten Formen etwas völlig anderes.
Wenn ich mir solche Aufnahmen länger anschaue, interessiert mich deshalb weniger die Frage, ob der Mars „schön“ aussieht. Spannender ist, was ein einzelnes Bild über seine Geschichte verrät. Eine Schicht im Boden kann auf vergangene Umweltbedingungen hinweisen, ein Mineral auf Wasser, eine Düne auf heutige Windverhältnisse. Die Landschaft ist nicht bloß Kulisse. Sie ist die sichtbare Oberfläche einer sehr langen Geschichte.
Und vielleicht ist das der eigentliche Reiz des Mars: Er zeigt uns eine Welt, die auf den ersten Blick fast verständlich erscheint. Dann entdeckt man einen staubbedeckten Stein, eine kilometerlange Schlucht oder die Spur eines längst verschwundenen Flusses und merkt, wie wenig selbstverständlich eine bewohnbare Oberfläche eigentlich ist. Der rote Planet wirkt dadurch nicht mehr wie ein ferner Punkt am Himmel, sondern wie ein Ort, an dem man dieselben grundlegenden Kräfte der Natur beobachten kann – nur unter Bedingungen, die der Erde fremd geworden sind.
Grafiken und Fotos: Magnific.com
Kuriose Fakten, überraschende Zusammenhänge und kleine Rätsel des Alltags stehen hier ganz oben auf der Liste. Besonders spannend wird es immer dann, wenn hinter einer scheinbar einfachen Frage eine unerwartete Geschichte steckt.
