Beim Korrigieren von englischen Texten fällt mir immer wieder eine ähnliche Stelle auf: Viele Lernende kennen die Regeln für das Passiv, können aber in echten Sätzen nicht entscheiden, wann sie es verwenden sollen. In Übungen sieht alles einfach aus – man nimmt „to be“, setzt das Verb ins Past Participle und fertig. Im Gespräch oder beim Schreiben beginnt dann die Unsicherheit. Genau an dieser Stelle merkt man den Unterschied zwischen einer auswendig gelernten Regel und einem wirklich verstandenen Sprachmuster.
Ich habe das englische Passiv oft mit Menschen durchgearbeitet, die sich eigentlich gut mit Grammatik auskennen. Das Problem war selten die Form. Schwieriger war die Frage: Warum sagt ein Muttersprachler hier „The bridge was built in 1998“ und nicht einfach „Someone built the bridge in 1998“? Deshalb möchte ich das Passiv nicht nur als Grammatikform erklären, sondern so zeigen, wie es in der englischen Sprache tatsächlich funktioniert.
Warum verwendet man das Passiv im Englischen überhaupt?
Der wichtigste Gedanke beim Passiv ist schnell erklärt: Nicht die handelnde Person steht im Mittelpunkt, sondern die Handlung oder das Ergebnis. Im Aktiv beginnt der Satz meistens mit demjenigen, der etwas tut. Im Passiv rückt dagegen die betroffene Sache nach vorne.
Ein einfacher Vergleich macht den Unterschied deutlich:
Aktiv: The chef prepared the meal.
Passiv: The meal was prepared by the chef.
Im ersten Satz interessiert mich vor allem der Koch. Im zweiten Satz liegt die Aufmerksamkeit auf dem Essen. Vielleicht ist der Koch gar nicht wichtig, vielleicht weiß man auch nicht, wer gekocht hat. Genau dafür ist das Passiv praktisch.
In vielen Situationen wird der Handelnde bewusst weggelassen. In Nachrichten, wissenschaftlichen Texten oder offiziellen Beschreibungen findet man deshalb besonders viele Passivsätze. Ein Satz wie „The documents were lost“ klingt oft natürlicher als „Someone lost the documents“, wenn nicht bekannt ist, wer verantwortlich war.
Die Grundform des englischen Passivs verstehen
Die Bildung ist im Kern immer gleich: Man verwendet eine Form von „to be“ und verbindet sie mit dem Past Participle des Verbs. Das Past Participle ist die dritte Verbform, also zum Beispiel „written“, „made“, „seen“ oder „taken“.
Die allgemeine Struktur sieht so aus:
Subjekt + Form von „to be“ + Past Participle
Aus „Someone cleans the room“ wird:
The room is cleaned.
Das Verb „clean“ wird also nicht einfach verändert. Entscheidend ist die Form von „to be“. Sie zeigt die Zeitform an. Genau hier passieren die meisten Fehler, denn viele Lernende setzen automatisch „was“ oder „is“ ein, ohne auf den zeitlichen Zusammenhang zu achten.
| Zeitform | Aktiv | Passiv |
|---|---|---|
| Simple Present | They build houses. | Houses are built. |
| Simple Past | They built the house. | The house was built. |
| Present Perfect | They have repaired the car. | The car has been repaired. |
| Future mit will | They will finish the project. | The project will be finished. |
Die wichtigsten Passivformen mit Beispielen
Wenn ich das Passiv erkläre, beginne ich meistens mit dem Simple Present, weil diese Form am leichtesten zu erkennen ist. Sie beschreibt Dinge, die regelmäßig passieren oder allgemein gelten.
Aktiv:
People speak English all over the world.
Passiv:
English is spoken all over the world.
Hier ist nicht wichtig, welche Personen Englisch sprechen. Die Sprache selbst steht im Vordergrund.
Beim Simple Past verändert sich nur die Form von „to be“:
Aktiv:
The company produced thousands of cars.
Passiv:
Thousands of cars were produced by the company.
Die Form „were produced“ zeigt, dass die Handlung abgeschlossen ist.
Etwas anspruchsvoller wird es beim Present Perfect. Viele Lernende vergessen hier das zusätzliche „been“:
Aktiv:
They have already sent the email.
Passiv:
The email has already been sent.
Das kleine Wort „been“ ist kein unnötiger Zusatz. Es gehört fest zur Struktur des Present Perfect Passivs.
Wann klingt das Passiv natürlich und wann eher ungewöhnlich?
Nicht jeder aktive Satz muss in einen Passivsatz umgewandelt werden. Eine typische Anfängerübung besteht darin, möglichst viele aktive Sätze umzubauen. Im echten Englisch macht man das aber nicht. Ein Passivsatz hat immer einen bestimmten Zweck.
Wenn die handelnde Person bekannt und wichtig ist, bleibt Aktiv meistens die bessere Wahl:
The manager signed the contract.
Dieser Satz wirkt direkt und klar. Wenn der Vertrag selbst wichtiger ist, kann man sagen:
The contract was signed yesterday.
Im Alltag höre ich häufig Passivsätze, wenn Menschen über Ereignisse sprechen, bei denen der Verursacher keine Rolle spielt:
My bike was stolen.
My phone was damaged.
The window was broken.
Niemand fragt bei solchen Sätzen automatisch nach der Grammatik. Sie gehören einfach zum natürlichen Sprachgebrauch. Das Passiv hilft dabei, eine Situation neutral zu beschreiben.
Das „by“ im Passiv: Muss man den Handelnden immer nennen?
Eine häufige Frage lautet: Wann benutzt man „by“? Die Antwort ist einfacher, als viele denken. Man verwendet „by“, wenn die handelnde Person oder Organisation eine wichtige Information ist.
Beispiele:
The painting was created by Leonardo da Vinci.
The vaccine was developed by a research team.
Hier wäre es unlogisch, den Urheber wegzulassen, weil genau diese Information interessant ist.
Bei vielen anderen Sätzen braucht man „by“ nicht:
The road was closed because of the accident.
The tickets were sold within an hour.
Wer die Straße geschlossen hat oder wer die Tickets verkauft hat, ist in diesen Fällen nicht entscheidend.
Typische Fehler beim englischen Passiv
Ein Fehler, den ich sehr oft sehe, ist die falsche Verwendung der Verbform. Nach „to be“ kommt im Passiv nicht die Grundform, sondern immer das Past Participle.
Falsch:
The book was write by the author.
Richtig:
The book was written by the author.
Ein weiterer Stolperstein ist die Zeitform. Manche schreiben automatisch „was“ und vergessen, dass die Gegenwart „is“ oder „are“ benötigt.
Falsch:
Cars was produced in this factory.
Richtig:
Cars are produced in this factory.
Auch die Anzahl des Subjekts spielt eine Rolle. Bei „The car“ verwendet man „is“, bei „The cars“ dagegen „are“. Diese kleine Unterscheidung entscheidet darüber, ob ein Satz natürlich klingt.
Passiv mit zwei Objekten: eine Besonderheit des Englischen
Das Englische erlaubt bei manchen Verben zwei mögliche Passivformen. Besonders häufig passiert das bei Verben wie „give“, „send“, „tell“ oder „offer“.
Aktiv:
They gave me a present.
Passiv:
I was given a present.
Oder:
A present was given to me.
Beide Varianten sind grammatisch richtig. Im Alltag hört man die erste Form sehr häufig, weil die Person, die etwas erhält, oft stärker im Mittelpunkt steht.
Wie man das Passiv schneller erkennt und richtig benutzt
Ein kleiner Trick aus meiner Arbeit mit Sprachlernenden: Suche nicht zuerst nach „by“. Viele denken, ein Passivsatz müsse dieses Wort enthalten. Das stimmt nicht. Entscheidend ist die Kombination aus einer Form von „to be“ und dem Past Participle.
Wenn du einen Satz liest wie „The results were published yesterday“, frage dich: Was steht im Mittelpunkt? Hier sind es die Ergebnisse, nicht die Person, die sie veröffentlicht hat.
Beim Schreiben hilft es, sich vor jedem Passivsatz kurz zu fragen: Ist die handelnde Person wirklich wichtig? Wenn die Antwort nein ist, kann das Passiv genau die richtige Wahl sein.
Ein Blick auf das Passiv als Stilmittel
Das Passiv wird manchmal kritisiert, weil es angeblich kompliziert oder unpersönlich sei. Diese Kritik entsteht oft durch übermäßigen Gebrauch in schlechten Texten. Ein gut eingesetztes Passiv macht einen Satz aber nicht schlechter. Es verändert nur den Blickwinkel.
Vergleiche:
Someone discovered a new species in the rainforest.
A new species was discovered in the rainforest.
Beide Sätze sind korrekt. Der erste interessiert sich für die Entdecker, der zweite für die Entdeckung. Sprache bedeutet nicht nur, Informationen weiterzugeben. Sie entscheidet auch, worauf der Leser seine Aufmerksamkeit richtet.
Zum Schluss: Das Passiv ist weniger eine Regel als eine Entscheidung
Nach vielen Jahren, in denen ich englische Texte gelesen und überarbeitet habe, sehe ich das Passiv weniger als schwieriges Grammatikthema, sondern als eine Möglichkeit, Gedanken genauer auszudrücken. Die Form kann man lernen, aber das Gefühl dafür entsteht erst durch viele echte Beispiele.
Wer das Passiv nur als Formel „to be + dritte Verbform“ betrachtet, wird immer wieder unsicher sein. Wer versteht, warum ein Sprecher eine Handlung in den Vordergrund stellt und eine Person im Hintergrund lässt, beginnt die Struktur wirklich zu beherrschen.
Am Ende geht es beim englischen Passiv nicht darum, möglichst viele Passivsätze zu bilden. Es geht darum, den Satz so zu bauen, dass er genau das sagt, was man sagen möchte. Manchmal ist der Handelnde wichtig. Manchmal ist nur das Ergebnis interessant. Die Sprache gibt uns beide Möglichkeiten – und genau darin liegt ihre Stärke.
Grafiken und Fotos: Magnific.com
Seltsame Fähigkeiten von Tieren, erstaunliche Naturphänomene und alles, was draußen wächst, krabbelt oder fliegt, sorgen regelmäßig für neue Themenideen. Gute Geschichten beginnen schließlich oft dort, wo der Alltag kurz ein bisschen ungewöhnlich wird.
